Halvers Industrie

 

Beginn und Geschichte der Industrie

Da Halver zum Bereich der Grafschaft Mark gehörte, ist die Geschichte des Ortes eng mit der Geschichte der Grafschaft verbunden. So begann auch in Halver eine recht frühe Industrialisierung. Die ersten Ansätze dazu begannen bereits Ende des 18. Jahrhunderts, vermutlich um kurz vor 1780. Davor gab es überwiegend Landwirtschaft in Halver. Im Jahr 1780 gab es bereits drei Osemund- und ein Rohstahlfeuer mit 12 Arbeitern. Kurz vor dem Jahrhundertwechsel zum 19. Jahrhundert, um da Jahr 1792, gab es schon ca. 3.600 Einwohner im Bereich Halvers. Davon arbeiteten damals rund 250 in der Metallverarbeitung.

Es war die Zeit, in der die angesessenen Adelsfamilien an Bedeutung verloren. Ihr Einfluss und ihr Besitz gelangten hauptsächlich in die Hände der aufstrebenden Fabrikanten- und Kaufmannsfamilien. Eine bedeutende Rolle bei der beginnenden Halveraner Eisenindustrie spielte vor allem auch das Hälvertal.

Halvers Wirtschaft entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert rasant und wurde vor allem durch die Schmiedeindustrie geprägt. Es entstanden Gesenkschmieden und Betriebe der Kleineisenindustrie für Eisen-, Metallwarenherstellung und des Werkzeugbaus. Im Jahr 1900 gab es in Halver bereits mehr als 270 Kleineisen-Fabriken. Im Laufe des 20. Jahrhundert kam dann auch die Kunststoffbearbeitung hinzu. 1934 gab es in Halver eine Bügeleisenfabrik, Drahtfabriken und etliche Fabriken für Kleinschmiedewaren und Baubeschläge. Mehrere Gesenkschmieden und Schleifereien, in denen u. a. Schaufeln und Spaten sowie Haushaltsgeräte wie Pfannen angefertigt wurden ergänzten das industrielle Bild des Ortes genauso wie die Elektroindustrie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte im Sommer 1945 zu den positiven Ereignissen die Nachricht, dass die ersten Halveraner Betriebe am 1. August 1945 von der Besatzungsbehörde die Genehmigung zur Wiederaufnahme ihrer Produktion erhielten. Zu den Betrieben gehörten das Märkische Werk, Heinrich Jung & Sohn, Schürfeld, Schmiede- und Stanzwerk, C. A. Winkhaus und andere. Eine am 17. Oktober 1947 veröffentlichte Demontageliste der britischen Militärregierung besagte aber auch, dass die Halveraner Gesenkschmiede Boucke & Co. demontiert werden sollte. Allerdings verlief die >Demontage nicht so ganz reibungslos, denn die Waggons mit den demontierten Maschinen standen sehr lange am Halveraner Bahnhof bevor sie mit unbekanntem Ziel weggebracht wurden.

Seit spätestens den letzten Jahren des ausgehenden 20. Jahrhunderts bestimmt die heimische Industrie das Leben vieler Einwohner. Aus ehemals Werkstätten und Kleinbetrieben entwickelten sich die heutigen Betriebe im Bereich der Stahlverformung, der Gesenkschmiedeindustrie, der Eisen-, Blech- und Metallwarenindustrie sowie der Kunststoffverarbeitung und Elektroindustrie.

Seit 1975 gehört Halver kreismäßig zum Märkischen Kreis und somit zu Südwestfalen. Dies ist eine der stärksten Industrieregionen in Deutschland. In seiner „Stadtgeschichte“ (s. Link im Quellenverzeichnis) schreibt Halvers früherer Stadtdirektor und Bürgermeister Hans-Jürgen Kammenhuber: „Trotz Industrialisierung hat Halver den großen Vorteil, dass es wegen seiner landschaftlich reizvollen Lage nie den Eindruck einer Industriestadt vermittelt. Die Stadt darf sich zu Recht als ‚Industriestandort im Grünen‘ bezeichnen.“ Allerdings müssen Halvers Stadtväter heute mehr denn je darauf aufpassen, dass es auch in Zukunft so bleibt, denn inzwischen sollen hektarweise weitere Grünbereiche neuen Gewerbeflächen zum Opfer fallen. Aus Grün könnte dann ganz schnell Grau entstehen…

 

Die größten Insolvenzen der letzten Jahre

Im Jahr 2015 mussten gleich zwei große Halveraner Unternehmen Insolvenz anmelden. Das waren einerseits die Firma Volkenrath GmbH & Co. (Volco) in Halver-Schwenke am 11. Mai 2015 und andererseits die Firma Jung, Boucke mit zwei Standorten in Halver.

Die Firma Volkenrath war ein familiengeführtes Unternehmen in der fünften Generation und bestand im Jahre 2015 bereits seit 132 Jahren. Spezialisiert war das Unternehmen, das zur Zeit des Insolvenzantrages 50 Mitarbeiter beschäftigte, auf die Herstellung von Elektroinstallationsmaterial, das vorwiegend aus Duroplasten bestand. Nachdem das Verfahren am 28. Juli 2015 eröffnet wurde stand schnell fest, dass das Unternehmen nicht mehr zu retten war, zudem auch der Hauptkunde keine Aufträge mehr erteilt hatte, was einen Umsatzeinbruch vom mehr als 90 % bedeutete, wie der Insolvenzverwalter sagte. So wurde allen Mitarbeitern zum 31. Oktober 2015 gekündigt.

Am 31. Dezember 1895 wurde in der Halveraner Schmiede-Familie Jung der Sohn Alfred Jung geboren, der später als Fabrikant, Kommunalpolitiker und Heimatforscher weit über die Grenzen Halvers hinaus bekannt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm er den Betrieb seines Vaters, den er dann zu einem der marktführenden Schmiedeunternehmen im Westen Deutschlands ausbaute. Erst im Alter von 70 Jahren zog sich Alfred Jung aus der Firmenleitung zurück. Damals hieß die im Jahre 1892 gegründete Firma noch Heinrich Jung & Sohn. Zu den besten Zeiten der Eisenbahn in Halver hatte das Unternehmen auch einen eigenen Gleisanschluss. Diesen hätte nach Einstellen des regulären Eisenbahnverkehrs in Halver gerne die Schleifkottenbahn GmbH unter dem damaligen Geschäftsführer Friedrich-Wilhelm Kugel für die damals geplanten Projekte genutzt. Doch dazu kam es bekanntlich leider nie (siehe hierzu auch: Axel Ertelt: Mobilität auf dem Abstellgleis)

Foto unten: Die ehemalige Firma Jung, Boucke; Standort Herpiner Weg. Foto: © Axel Ertelt.

Im Jahr 1994 wurde die Firma Heinrich Jung & Sohn (Herpiner Weg) mit der Firma Boucke und Co. (Langenscheid) zusammengeführt. Seitdem firmierte die Firma, die beide Standorte beibehielt, unter Jung, Boucke. Nach langem ringen stand Anfang Oktober 2015 endgültig fest, dass die Firma nicht mehr zu retten sei, nachdem auch der zuletzt einzige Interessent als möglicher Investor abgesprungen war. Der 30. Oktober 2015 war dann der letzte Produktionstag für die Angestellten. Von der Insolvenz betroffen waren 188 Mitarbeiter.

Während die Mitarbeiter von Jung, Boucke am letzten Tag einen symbolischen Trauerzug mit selbstgezimmerten Sarg vom Herpiner Weg zum Rathaus machten bezeichnete Bürgermeister Michael Brosch diesen Tag, an dem zeitgleich beide Halveraner Unternehmen die Türen schlossen als rabenschwarzen Tag für die Stadt Halver.

 

Quellen- und Literaturhinweise

Come-on: „Vielfältige Verknüpfungen über den Ortsrand hinaus“; www.come-on.de, 24.11.2011
Domke, Friederike: „Firma Volkenrath GmbH & Co. stellt Insolvenzantrag“; www.come-on.de, 13.05.2015
Heimatverein Halver e.V. (Hrsg.): „Historischer Rundgang"; Bell Verlag, Halver o.J.
Hesse, Florian: „Kündigungen und kurze Fristen bei Jung, Boucke“; Allgemeiner Anzeiger, 10.10.2015
Hesse, Florian (flo): „Aus für Jung, Boucke“; Allgemeiner Anzeiger, 09.10.2015
Kammenhuber, Hans-Jürgen: „Fabrikant und Heimatforscher“; Allgemeiner Anzeiger, 31.12.2015
Kammenhuber, Hans Jürgen: Stadtgeschichte; www.halver.de, [16.08.2018]
Ruthmann, Detlef: „Volkenrath GmbH & Co. KG stellt den Betrieb ein“; www.come-on.de, 08.09.2015
Stadt Halver: „Rund um Halver“; Bell Verlag, Halver, im August 2010
Wikipedia: „Halver“; de.wikipedia.org [19.11.2012]
 

Mehr zur Halveraner Geschichte finden Sie unter: Halver geschichtlich


Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 29.08.2018 20:29:19 Uhr.