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Halvers Industrie

 

Beginn und Geschichte der Industrie

Da Halver zum Bereich der Grafschaft Mark gehörte, ist die Geschichte des Ortes eng mit der Geschichte der Grafschaft verbunden. So begann auch in Halver eine recht frühe Industrialisierung. Am 18. Januar 1871, dem Datum der Kaiserproklamation in Versailles, war die Geburtsstunde des Deutschen Reichs. Zugleich war es der Beginn einer Hochkonjunkturphase die als wirtschaftliche Blütezeit der sogenannten „Gründerjahre" (1871 bis 1873) in die Geschichte einging. Auch in Halver war diese Aufbruchstimmung deutlich spürbar. So gab es damals vor allem einen ganz wesentlichen wirtschaftlichen Aufschwung mit unzähligen Firmengründungen. Es war die Zeit des Durchbruchs zur Industrialisierung. Davor gab es überwiegend nur Landwirtschaft in Halver. Hauptträger der Entwicklung waren zuerst die Dampfmaschinen, danach die Gas-, und Benzinmotoren und später auch die Elektromotoren. Im Jahr 1780 gab es bereits drei Osemund- und ein Rohstahlfeuer mit 12 Arbeitern. Die Gesenkschmieden übernahmen schließlich den wichtigsten Part in der Eisenverarbeitung. Es war auch die Zeit, in der die angesessenen Adelsfamilien an Bedeutung verloren. Ihr Einfluss und ihr Besitz gelangten hauptsächlich in die Hände der aufstrebenden Fabrikanten- und Kaufmannsfamilien. Eine bedeutende Rolle bei der beginnenden Halveraner Eisenindustrie spielte vor allem auch das Hälvertal.

Dann kam der Wiener Börsencrash von 1873, der den Aufschwung und die wirtschaftlichen Höhenflüge der Gründerjahre im ganzen Land, auch in Halver, erst einmal enden ließ. Dieses Wirtschaftsdebakel überlebten in Halver von 326 Betrieben nur 249. Fast ein Viertel der Betriebe war vom Konkursstrudel erfasst worden. Ewald Dresbach berichtet in seinen historischen Schriften über das alte Halver, dass aus der Glörfelder, Buschhauser und Eichhofener Bauernschaft viele Fabrikanten fortzogen um in den Städten ihr Brot als Fabrikarbeiter zu verdienen. Zahlreiche kleine Schmiedebetriebe blieb leer zurück. Kurz vor dem Jahrhundertwechsel zum 19. Jahrhundert, um da Jahr 1792, gab es schon ca. 3.600 Einwohner im Bereich Halvers. Davon arbeiteten damals noch rund 250 in der Metallverarbeitung.

Halvers Wirtschaft entwickelte sich im 19. und 20. Jahrhundert rasant und wurde vor allem durch die Schmiedeindustrie geprägt. Es entstanden Gesenkschmieden und Betriebe der Kleineisenindustrie für Eisen-, Metallwarenherstellung und des Werkzeugbaus. Im Jahr 1900 gab es in Halver bereits mehr als 270 Kleineisen-Fabriken. Das war auch das Jahr, in dem Heinrich Jung und Robert Boucke am Langenscheider Weg ihre Schmiede einrichteten. Die zuvor genutzte Wasserkraft aus Ennepe, Hälver und Volme war restlos ausgeschöpft und die ersten Dampfmaschinen hielten Einzug auch in die Halveraner Betriebe, zu denen auch die Schmiede von Heinrich Jung und Robert Boucke gehörte. Nur wenige Jahre später gab es bereits mehr als 300 Betriebe und 47 Dampfmaschinen sowie Benzin- und Gasmotoren. In den Jahren 1906/1907 wurde Halver ans Elektrizitätsnetz angeschlossen. Den Strom, der der Vollindustriealisierung nun Tor und Tür öffnete, lieferte das neu gegründete Kommunale Elektrizitätswerk Mark, an dem auch Halver eine Beteiligung hatte. Im Laufe des 20. Jahrhundert kam dann auch die Kunststoffbearbeitung hinzu. 1934 gab es in Halver eine Bügeleisenfabrik, Drahtfabriken und etliche Fabriken für Kleinschmiedewaren und Baubeschläge. Mehrere Gesenkschmieden und Schleifereien, in denen u. a. Schaufeln und Spaten sowie Haushaltsgeräte wie Pfannen angefertigt wurden ergänzten das industrielle Bild des Ortes genauso wie die Elektroindustrie.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte im Sommer 1945 zu den positiven Ereignissen die Nachricht, dass die ersten Halveraner Betriebe am 1. August 1945 von der Besatzungsbehörde die Genehmigung zur Wiederaufnahme ihrer Produktion erhielten. Zu den Betrieben gehörten das Märkische Werk, Heinrich Jung & Sohn, Schürfeld, Schmiede- und Stanzwerk, C. A. Winkhaus und andere. Eine am 17. Oktober 1947 veröffentlichte Demontageliste der britischen Militärregierung besagte aber auch, dass die Halveraner Gesenkschmiede Boucke & Co. demontiert werden sollte. Allerdings verlief die Demontage nicht so ganz reibungslos, denn die Waggons mit den demontierten Maschinen standen sehr lange am Halveraner Bahnhof bevor sie mit unbekanntem Ziel weggebracht wurden.

Seit spätestens den letzten Jahren des ausgehenden 20. Jahrhunderts bestimmt die heimische Industrie das Leben vieler Einwohner. Aus ehemals Werkstätten und Kleinbetrieben entwickelten sich die heutigen Betriebe im Bereich der Stahlverformung, der Gesenkschmiedeindustrie, der Eisen-, Blech- und Metallwarenindustrie sowie der Kunststoffverarbeitung und Elektroindustrie.

Seit 1975 gehört Halver kreismäßig zum Märkischen Kreis und somit zu Südwestfalen. Dies ist eine der stärksten Industrieregionen in Deutschland. In seiner „Stadtgeschichte“ (s. Link im Quellenverzeichnis) schreibt Halvers früherer Stadtdirektor und Bürgermeister Hans-Jürgen Kammenhuber: „Trotz Industrialisierung hat Halver den großen Vorteil, dass es wegen seiner landschaftlich reizvollen Lage nie den Eindruck einer Industriestadt vermittelt. Die Stadt darf sich zu Recht als ‚Industriestandort im Grünen‘ bezeichnen.“ Allerdings müssen Halvers Stadtväter heute mehr denn je darauf aufpassen, dass es auch in Zukunft so bleibt, denn inzwischen sollen hektarweise weitere Grünbereiche neuen Gewerbeflächen zum Opfer fallen. Aus Grün könnte dann ganz schnell Grau entstehen…

Als es 2021 um ein neues Industriegebiet Oeckinghausen-Süd ging, wurde politisch viel mit der Bezirksregierung in Arnsberg diskutiert. In einem Brief des Landrats Marco Voge (Märkischer Kreis) vom 01.06.2021 an die Bezirksregierung Arnsberg, mit unterschrieben von allen 15 Bürgermeistern der 15 MK-Kommunen, heißt es zur heimischen Industrie u.a.: „… ist der Märkische Kreis mit seinen Städten und Gemeinden als Teil einer starken Industrieregion und Sitz vieler Weltmarktführer immer mehr auf den Zuzug von Fachkräften angewiesen.“ 


Im Jahr 2021 zeigte eine Ausstellung im Halveraner Regionalmuseum historische Aufnahmen der heimischen Schmieden am Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu war auf der Homepage des Museums erläuternd zu lesen: „Die Geschichte der Schmieden ist die Geschichte des Lebens an diesem Ort. Der karge, steinige Boden ernährt die Großfamilien nicht. Dank Eisenerz schaffen Schüppen-, Bohrer- und Feilenschmieden ein Zubrot. Wenige schaffen den Sprung in das Industriezeitalter des 20. Jahrhunderts, noch weniger auf den globalisierten Markt des 21. Typisch für die Region – und das gilt auch für die vielen Härtereien, Stanzereien und Kunststoffspritzereien – die Fabriksken sind in Familienhand heute noch, seit vielen Generationen.“ Dass viele Firmen nicht oder nur unter größten Mühen den beständigen Sprung ins 21. Jahrhundert schafften, beweist die folgende Entwicklung bei nicht nur alteingesessenen Unternehmen.

 

Neosid Pemetzrieder – Der heimliche Weltmarktführer

 

Das Unternehmen wurde 1933 in Berlin gegründet. Firmengründer war Hans Georg Pemetzrieder. Der Namensteil Neosid kommt aus der griechischen Bezeichnung neos sideros“, was für „neues Eisen“ steht. Damit nahm der Firmengründer Bezug auf den damals neuen Werkstoff Carbonyl Eisen. Hieraus wurden Zylinder-, Gewinde- und Ringkerne hergestellt. Antennenstäbe für die ersten Rundfunkgeräte waren der Beginn der Firmengeschichte. Im Jahre 1947 kam es wegen familiären Bindungen zur Gründung eines Zweigwerks in Halver. Nur vier Jahre später erfolgte die Zusammenlegung beider Betriebsstätten an der Volme. 1957 zog die Firma dann in die Innenstadt, zum Langenscheid 26 – 30, wo sie heute noch ansässig ist. Inzwischen gibt es ein Tochterwerk mit Namen Neotech in Polen. Auch ansonsten kooperiert Neosid mit vielen Firmen im Ausland, weltweit. Das Unternehmen hat heute 85 Mitarbeiter und ist Weltmarktführer in der Herstellung komplexer Ferrite.

 

Ferrite („neue Eisen“) sind ein Granulat-Gemisch aus chemischen Werkstoffen. Sie sind elektrisch nur schlecht oder gar nicht leitende Werkstoffe, die in vielen Bereichen zum Einsatz kommen. Dazu gehören beispielsweise auch die bei Neosid hergestellten Formen, die asymmetrisch oder auch winzig klein sein können. Anwendung finden sie unter anderem in der Medizintechnik, der Antennentechnik, der Telekommunikation und Datenübertragung. Auch wegen seines speziellen Spritzgussverfahrens für die Ferrite listete eine Studie, ausgeführt von der Universität Trier im Auftrag des Wirtschafts- und Innovationsministeriums, Neosid als eine von drei Hidden Champions (heimlichen Weltmarktführern) aus Halver auf.

 

Die Produkte des Unternehmens, zu denen neben den Ferritbauteilen auch RFID-Tags, Spulenbausätze und Transponderspulen gehören, gehen in alle Welt. Im Jahr 1995 fing der Nachrichtentechniker Yilmaz Benter bei Neosid an. Nachdem er zuerst in der Entwicklung und danach im, Vertrieb tätig war, trat er 2016 in die Geschäftsführung ein und ist heute Geschäftsführer der Firma. Mit seinem speziellen Spritzgussverfahren die Ferrite in Form zu gießen und der Serientauglichkeit in der Produktion erwarb sich das Unternehmen eine führende Weltmarktstellung. Die Produkte werden zudem im eigenen Unternehmen entwickelt. Bausteine von Neosid aus Halver sind vielfältig im Einsatz: In der Industrieelektronik, in Handys, in der Robotik und sogar in den Werenbach-Raketenuhren, die aus dem Originalmaterial bemannter Weltraumraketen gefertigt werden. Ein Mikrochip in der Uhr ermöglicht es sich mit dem Smartphone in den Livestream der ISS einzuwählen und auch Bilder aus dem Weltraum zu empfangen.

 

Die größten Insolvenzen der letzten Jahre

Im Jahr 2015 mussten gleich zwei große Halveraner Unternehmen Insolvenz anmelden. Das waren einerseits die Firma Volkenrath GmbH & Co. (Volco) in Halver-Schwenke am 11. Mai 2015 und andererseits die Firma Jung, Boucke mit zwei Standorten in Halver.

Die Firma Volkenrath war ein familiengeführtes Unternehmen in der fünften Generation und bestand im Jahre 2015 bereits seit 132 Jahren. Spezialisiert war das Unternehmen, das zur Zeit des Insolvenzantrages 50 Mitarbeiter beschäftigte, auf die Herstellung von Elektroinstallationsmaterial, das vorwiegend aus Duroplasten bestand. Nachdem das Verfahren am 28. Juli 2015 eröffnet wurde stand schnell fest, dass das Unternehmen nicht mehr zu retten war, zudem auch der Hauptkunde keine Aufträge mehr erteilt hatte, was einen Umsatzeinbruch vom mehr als 90 % bedeutete, wie der Insolvenzverwalter sagte. So wurde allen Mitarbeitern zum 31. Oktober 2015 gekündigt.

Am 31. Dezember 1895 wurde in der Halveraner Schmiede-Familie Jung der Sohn Alfred Jung geboren, der später als Fabrikant, Kommunalpolitiker und Heimatforscher weit über die Grenzen Halvers hinaus bekannt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm er den Betrieb seines Vaters, den er dann zu einem der marktführenden Schmiedeunternehmen im Westen Deutschlands ausbaute. Erst im Alter von 70 Jahren zog sich Alfred Jung aus der Firmenleitung zurück. Damals hieß die im Jahre 1892 gegründete Firma noch Heinrich Jung & Sohn. Zu den besten Zeiten der Eisenbahn in Halver hatte das Unternehmen auch einen eigenen Gleisanschluss. Diesen hätte nach Einstellen des regulären Eisenbahnverkehrs in Halver gerne die Schleifkottenbahn GmbH unter dem damaligen Geschäftsführer Friedrich-Wilhelm Kugel für die damals geplanten Projekte genutzt. Doch dazu kam es bekanntlich leider nie (siehe hierzu auch: Axel ErteltMobilität auf dem Abstellgleis).

Im Jahr 1994 wurde die Firma Heinrich Jung & Sohn (Herpiner Weg) mit der Firma Boucke und Co. (Langenscheid) zusammengeführt. Seitdem firmierte die Firma, die beide Standorte beibehielt, unter Jung, Boucke. Die frühere Einzelfirma Boucke wurde am Samstagmorgen, dem 24. Marz 1979, um 3.45 Uhr Opfer des größten Industriebrandes, welchen die Stadt Halver bis dato erlebte. Vier Produktions- und Lagerhallen mit 3.500 m2 des 1900 gegründeten Unternehmens wurden im Feuer vernichtet. 120 Feuerwehrleute aller Halveraner Löschzüge und der Feuerwehren von Brügge und Lüdenscheid waren mit 17 Fahrzeugen im Einsatz. Außerdem waren Polizei und das DRK im Einsatz. Nur sechs Minuten nach der Alarmierung war das erste Feuerwehrfahrzeug am Einsatzort. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte es bereits den „Flash over“ gegeben und die weitgehende Holzkonstruktion des Fabrikgebäudes war nicht mehr zu retten. Das Wasser für die Löscharbeiten wurde mit 2.000 Liter pro Minute aus dem örtlichen Wassernetz und mit weiteren 2.500 Litern pro Minute aus dem nahe gelegenen Heide Teich gepumpt. Wegen der deutlichen Minustemperaturen hatte die Feuerwehr zunehmend mit der Glätte durch gefrorenes Löschwasser zu kämpfen. Die Firmenleitung versprach damals sofort, dass kein Mitarbeiter um seinen Job fürchten müsse und das Gebäude umgehend neu aufgebaut würde. Als Brandursache wurde eine Funkenerosionsmaschine beim Werkzeugbau vermutet, die sich wegen eines technischen Defekts nicht selbstständig abgeschaltet hatte. Brandstiftung wurde ausgeschlossen.

Nach langem ringen stand Anfang Oktober 2015 endgültig fest, dass die Firma Jung, Boucke nicht mehr zu retten sei, nachdem auch der zuletzt einzige Interessent als möglicher Investor abgesprungen war. Der 30. Oktober 2015 war dann der letzte Produktionstag für die Angestellten. Von der Insolvenz betroffen waren 188 Mitarbeiter. Während die Mitarbeiter von Jung, Boucke am letzten Tag einen symbolischen Trauerzug mit einem selbst gezimmerten Sarg vom Herpiner Weg zum Rathaus machten bezeichnete Bürgermeister Michael Brosch diesen Tag, an dem zeitgleich beide Halveraner Unternehmen die Türen schlossen als rabenschwarzen Tag für die Stadt Halver.

 

Neue Firmenschließung zum Ende des Jahres 2020

Am 24. Januar 2020 berichteten die Medien, dass die Firma Peha die Schließung ihres Standortes im Gewerbegebiet Halver-Oeckinghausen angekündigt hat. Betroffen davon sind mehr als 100 Mitarbeiter. Bereits 2014 war der Standort in Lüdenscheid aufgegeben worden. Nach fast hundertjähriger Firmengeschichte kommt nun das Aus. Das US-Konsortium Honeywell will als Eigentümer bis zum Jahresende 2020 die Firma abgewickelt haben. Die Firma beschäftigt nach vorliegenden Informationen 140 Arbeiter, davon 110 in Festanstellung, den Rest als Leiharbeiter.

Die Firma Peha fertigt in Halver elektronische Bauteile wie beispielsweise Schalttafeln, Leitungszubehör und Teile für die Gebäudesystemtechnik. Wie das Honeywell-Konsortium mitteilte, bestünde für die Angestellten die Möglichkeit eines Ersatzarbeitsplatzes im Ausland (Großbritannien oder Ungarn). Das dürfte für die betroffenen Arbeitnehmer wohl kaum von Interesse sein – erst recht nicht nach dem erfolgten Brexit.

Mit der Betriebsübernahme durch Honeywell war der Untergang der Firma wohl vorprogrammiert. Bereits neun Monate nach Übernahme schloss Honeywell das Peha-Werk in Werne (57 Beschäftigte). Der Vertrieb wurde nach Schottland verlegt und die Buchhaltung nach Indien. Die Fertigung wurde zudem zum Teil nach Fernost umgesiedelt. Schon bald fanden Peha-Kunden am Gründungsstandort in Lüdenscheid keinen kompetenten Ansprechpartner mehr. Auch wenn man es bei der Stadt Halver beim Einzug des Unternehmens in die Daimlerstraße im Oeckinghauser Industriegebiet anders sehen wollte. Die Zukunft des Unternehmens war bereits besiegelt.

 

Kico baut 2020 insgesamt 58 Stellen ab

Der Automobil-Zulieferer Kico (Kirchhoff GmbH & Co. KG) kündigte Ende Januar 2020 den Abbau von 58 Arbeitsplätzen in zwei Wellen an. 47 Kündigungen sind bereits erfolgt. Für rund ein Drittel der betroffenen Arbeitnehmer gilt der Stichtag 29. Februar 2020 und für die anderen der 30. Juni 2020. Elf weitere Arbeitsplätze werden nach Renteneintritten oder Auslauf befristeter Arbeitsverhältnisse nicht wiederbesetzt.

Im Juli 2019 war das mittelständische Familienunternehmen Kico von der Münchener Mutares SE & Co. KGaA erworben worden. Die drastische Reduzierung der Mitarbeiter ist nach Mutares ein Teil von insgesamt 20 sogenannter Verbesserungsprojekte mit zusammen ca. 100 Einzelmaßnahmen, mit denen das Unternehmen wettbewerbsfähig gehalten und profitabel gemacht werden soll. Zudem soll, mit diesen Maßnahmen, eine strategische Weiterentwicklung und Wertsteigerung erreicht werden.

 

3. Schocknachricht in 2020: Voss Druckguss GmbH ist insolvent

Nur wenige Tage nach Bekanntwerden des gewaltigen Stellenabbaus bei Kico gab es die nächste Hiobsbotschaft für die Halveraner Industrie. Nach Auskunft der Mitarbeiter wurde am Freitag, dem 31. Januar 2020, der Betrieb bei der Firma Voss Druckguss GmbH endgültig eingestellt. Mitgeschäftsführer Christian Epping bestätigte dem Allgemeiner Anzeiger gegenüber zwar, dass die Regelinsolvenz ausgesprochen sei, wollte sich aber ansonsten, genau wie die anderen Geschäftsführer, nicht weiter dazu äußern. Das berichtete Florian Hesse in seinem Artikel „Voss Druckguss in Insolvenz“ am 4. Februar 2020 im Allgemeiner Anzeiger.

Bis zum April 2018 war die Firma noch als Helmut Voss Beschläge + Druckguss GmbH bekannt. Dann übernahmen die Industriemanager Christian Epping, Dirk Schäfer und Dieter Beckmann mithilfe einer stillen Beteiligung der Kapitalbeteiligungsgesellschaft NRW die alteingesessene Firma. Noch im Jahr 2018 wurde ein Überschuss von 176.562 Euro erzielt.

 

Insolvenz über Härterei Kämper eröffnet

Auch bei der Härterei Kämper in der Hagener Straße wurde im Februar 2020 der Insolvenzverwalter vorstellig. Hier war man jedoch schon zu diesem Zeitpunkt überzeugt, die Probleme in den Griff zu bekommen. Und es soll keine Entlassungen geben und auch die Kunden wollen alle die Treue halten, hieß es damals.

Am 30. April 2020 wurde das Insolvenzverfahren schließlich eröffnet. Dr. Martin Plappert, der vom Amtsgericht zum Insolvenzverwalter bestellt wurde, konnte die Belegschaft erst einmal mit den Worten „es geht normal weiter“ beruhigen. Bei 36 Beschäftigten seien lediglich zwei Arbeitsverhältnisse gekündigt worden. So seien jetzt mit der verbleibenden Mannschaft die Weichen gestellt das Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu führen.

Auslöser der Krise waren unvorhersehbare Umsatzrückgänge zum Jahresbeginn. Dann ging es jedoch im Februar und März wieder aufwärts. Die beginnende Corona-Krise schlug sich dann aber wieder negativ auf die April-Bilanz aus. Zumindest bis April waren die Löhne durch das Insolvenzgeld abgesichert. Ab Mai müsse die Firma aber aus eigenen Mitteln finanzfähig bleiben. Kurzarbeit, auch wegen der Corona-Krise, war allerdings eine Option.

Nach dem Insolvenzverfahren im Frühjahr 2020 und der Corona-Krise war es abzusehen. Zum Jahreswechsel 2021/2022 verlor auch die ehemalige Härterei Kämper (zuletzt HK Oberflächentechnik GmbH; HKO) seinen Status als Familienbetrieb seit 1874. Am 5. Januar 2022 teilte das Unternehmen mit, dass es am 1. Januar 2022 auf die Wärmetechnik Halver GmbH (WTH) übergegangen sei. Diese wiederum ist ein Unternehmen des Konzerns Schmiedetechnik Plettenberg GmbH & Co. (STP). Die STP-Gruppe hat damit nun sechs Produktionsstandorte in Deutschland und erzielt mit ca. 600 Mitarbeitern im aktuellen Geschäftsjahr einen Umsatz von 120 Millionen Euro.

 

Die WTH hat zunächst alle aktuellen Aktivitäten und notwendigen Mitarbeiter am Standort in der Hagener Straße 41 übernommen. Volker Kämper, ehemals Geschäftsführer der HKO zeigte sich froh, dass nach zielführenden Gesprächen eine schnelle Einigung und Planungssicherheit für die Mitarbeiter und Kunden erzielt werden konnten. Aktuell wurden 15 Mitarbeiter beschäftigt. Doch stand bereits fest, dass es aufgrund einer umfassenden Neuorientierung der Gruppe zum Verkauf der Wärmebehandlungsaktivitäten kommt.

 


Auch Leoni in Oeckinghausen bedroht

Im Oktober 2020 die nächste Hiobsbotschaft. Die Zukunft des Nürnberger Automobilzulieferer Leoni, der auch einen Standort an der Alfred-Jung-Straße in Halver hat, steht auf der Kippe. Belegschaft, Betriebsräte sowie die IG Metall bangen um die Zukunft von Leoni. Der weltweit operierende Konzern steht unter enormen Druck. Schuld daran ist die schlechte Auftragslage auf dem Automobilmarkt und die wirtschaftlich katastrophale Lage der Corona-Krise mit ihren Lockdowns. Etwa 170 Arbeitsplätze gibt es in Halver-Oeckinghausen, die nun bedroht sind. Die Gewerkschaften gehen von einem Personalabbau nicht nur am Standort Halver, sondern auch an weiteren Leoni-Standorten aus. Aus Sicht der IG Metall galt es eine Deindustrialisierung der hiesigen Region auf jeden Fall zu vermeiden. Weltweit beschäftigt Leoni fast 95.000 Mitarbeiter und konnte 2019 einen Jahresumsatz von rund 5 Milliarden Euro erzielen. Ein Sanierungsgutachten bescheinigte zum Jahresende 2019 trotz aller zunehmenden Probleme eine positive Fortführungsprognose. Doch durch die Wirtschaftskrise verschlechterte sich die Situation. Im April 2020 bürgten die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen mit einer Summe von insgesamt 330 Millionen Euro, um den Konzern noch einmal abzusichern.

Am 23.05.2022 gab die Firma Leoni bekannt, dass sein Kabel-Geschäft an den thailändischen Großkonzern und Kabelspezialisten Stark Corporation verkauft wurde. Teil des Verkaufspakets an den thailändischen Investor war auch die Leoni HighTemp Solutions GmbH, die an ihrem Standort in Halver hochtemperaturbeständige Spezialkabel produziert und vertreibt. Mehr als 100 Mitarbeiter bekamen einen neuen Gesellschafter. Mit dem Verkauf der Business Group Automotive Cable Solutions (BG AM) hat sich Leoni komplett von seiner Kabelsparte getrennt. Bereits im Oktober 2021 hatte Leoni den Industriekabelbereich, die Business Group Industrial Solutions, an das Konsortium Bizlink Holding Inc. Aus Kalifornien für 450 Millionen Euro verkauft. Der neue Deal mit dem thailändischen Investor hat ein Volumen von rund 400 Millionen Euro. Die Aktionäre von Leoni honorierten den Verkauf. Nach der Bekanntgabe des Verkaufs schoss der Wert der Aktien um 17 Prozent in die Höhe.

 

Insolvenz in Eigenverwaltung bei Hebar

 

Anfang Mai 2022 wurde bekannt, dass die Gesenkschmiede Hebar (früher Eckmann) in der Schmalenbach Insolvenz beantragt hat. Es ist eine Insolvenz in Eigenverwaltung, mit der das Unternehmen aus eigener Kraft versucht aus den Problemen zu kommen sagte Geschäftsführer Ulrich Barz. Auslöser für diesen Schritt waren die extrem ansteigenden Preise für die Energie und das benötigte Ausgangsmaterial. Hier haben sich die Kosten bereits zum Teil verdreifacht, was so nicht an die Kunden weitergegeben werden kann. Mit den Kunden wurde nachverhandelt und bis Anfang Mai gelang es Hebar bis auf zwei Abnehmer die nötigen Preise durchzusetzen. Mit den beiden verbliebenen Abnehmern wurde noch verhandelt. Insgesamt beschäftigt die Firma 26 Mitarbeiter und zusätzliche Leiharbeiter. Kündigungen sind nicht erfolgt und auch nicht vorgesehen, versicherte die Firma. Die Auftragslage sei gut und würde abgearbeitet. Man sei für 2022 eigentlich ausgebucht, sagte Geschäftsführer Ulrich Barz. Deshalb würden auch Überstunden gefahren und an Samstagen gearbeitet. Einziges Problem war die extreme Teuerung. Deshalb habe man die Reißleine gezogen. Kunden und Lieferanten blieben jedoch am Ball, wie es hieß.



Kostal Automobil Elektrik schließt alle Produktionsstandorte in Deutschland


Im Juni 2022 kam eine weitere Schocknachricht. Die in Lüdenscheid ansässige Firma Kostal will bis Ende des Jahres den Bereich der Kostal Automobil Elektrik (KAE) in Deutschland schließen. Das betrifft gleich drei Standorte im Märkischen Kreis: Halver (rund 50 Mitarbeiter), Lüdenscheid und Meinerzhagen (rund 90 Mitarbeiter). Durch diese Maßnahme wird dann selbst die Kostal-Zentrale in Lüdenscheid weitgehend leer stehen. Die Mitarbeiter und der Betriebsrat waren bei der Bekanntgabe des Vorhabens geschockt. Der Betriebsrat geht von einem Stellenabbau in der Region von 650 bis 800 Stellen aus. Und auch aus der Verwaltung sollen weitere 150 Stellen dazukommen, die zum kurz zuvor neu geschaffenen Kostal Business Service Center in Budapest (Ungarn) verlagert werden. Dort wurden 360 neue Arbeitsplätze geschaffen, an denen vor allem die Bereiche IT und der Einkauf angesiedelt werden. Die Produktion soll verlagert werden heißt es aus der Kostal-Geschäftsführung. „Nur so könne Schaden von der gesamten Kostal-Gruppe abgewendet und der Fortbestand als unabhängiges Familienunternehmen gewährleistet werden.“ Durch die Schließung aller KAE-Standorte in Deutschland ist klar, dass die Produktion ins Ausland verlegt wird.


Schuld an der Misere sollen vor allem die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg sein, die diesen Schritt nötig machen, hieß es. Selbst die strikte Kostenkontrolle, der Stellenabbau der Jahre 2018/19 und mehrere Effizienzprogramme reichten nicht aus um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Standorte nachhaltig zu sichern. Streng genommen wird es nicht die Corona-Krankheit und der Ukraine-Krieg sein, sondern vielmehr das Versagen der Politik mit Lockdown und Sanktionen, die nicht nur der deutschen Wirtschaft, sondern auch der Bevölkerung extrem geschadet haben. Der Standort Halver wird zuerst geschlossen, dann Meinerzhagen und zuletzt Lüdenscheid. Die Schließung der KAE-Standorte im Märkischen Kreis hat zudem weitreichende Folgen für viele Klein-Unternehmen in der Region, die für Kostal arbeiten und Teile zuliefern. Viele Insolvenzen könnten hier eine traurige Folge sein.

Nach dem Bekanntwerden der Werkserweiterung in Ungarn um 360 Stellen kam von Kostal im Juli 2022 der nächste „Schlag ins Gesicht“ der heimischen (Noch-) Arbeitnehmer des Konzerns. Kostal bestätigte die Erweiterung seines seit 2016 bestehenden Werkes in Ohrid (Nordmazedonien). Laut der nordmazedonischen Regierung plant Kostal dort eine neue Produktionshalle für Ladegeräte für Elektro und Hybrid-Autos. In dieses Vorhaben investiert Kostal rund 25 Millionen Euro und schafft dadurch in Mazedonien rund 200 neue Arbeitsplätze. Die Produktion dort soll 2024 beginnen – in dem Jahr, in dem im Märkischen Kreis auch der letzte Standort geschlossen wird.

 


Quellen- und Literaturhinweise

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Hesse, Florian: „Kündigungen und kurze Fristen bei Jung, Boucke“; Allgemeiner Anzeiger, 10.10.2015
Hesse, Florian (flo): „Aus für Jung, Boucke“; Allgemeiner Anzeiger, 09.10.2015
Hesse, Florian: „Firma im MK schließt - mehr als 100 Mitarbeiter betroffen“www.come-on.de, 24.01.2020
Hesse, Florian: „Kico baut 58 Stellen in Halver ab“; Allgemeiner Anzeiger, 01.02.2020
Hesse, Florian: „Voss Druckguss in Insolvenz“; Allgemeiner Anzeiger, 04.02.2020
Hesse, Florian: „Verwalter sieht Firma Kämper auf gutem Weg“; Allgemeiner Anzeiger, 08.05.2020
Hesse, Florian: „Firma im MK hat Probleme - 170 Mitarbeiter betroffen“www.come-on.de, 21.10.2020

Hesse, Florian: „Energiepreise: Schmiede im MK zieht Reißleine“www.come-on.de, 04.05.2022

Kammenhuber, Hans-Jürgen: „Fabrikant und Heimatforscher“; Allgemeiner Anzeiger, 31.12.2015

Kammenhuber, Hans-Jürgen: „Halver und die Gründerjahre“; Allgemeiner Anzeiger, 18.01.2021

Kammenhuber, Hans Jürgen: Stadtgeschichte; www.halver.de, [16.08.2018]
Kammenhuber, Hans-Jürgen: „Blühende Industrie und viele Vereine"; Allgemeiner Anzeiger, 29.03.2021

Machatzke, Thomas: „Kostal Automobil Elektrik schließt bis 2024 alle Produktionsstandorte in Deutschland – Stellenabbau“www.come-on.de, 22.06.2022

Ruthmann, Detlef: „Volkenrath GmbH & Co. KG stellt den Betrieb ein“www.come-on.de, 08.09.2015
Salzmann, Monika: „Teile aus Halver in Weltall-Raketen verbaut“; Allgemeiner Anzeiger, 21.04.2022
Schmitz, Jan: „Konzern mit 600 Mitarbeitern kauft Familienbetrieb im MK“www.come-on.de, 05.01.2022

Schmitz, Jan: „Thailändischer Konzern kauft Leoni-Standort in Halver“www.come-on.de, 28.05.2022

Schmitz, Jan: „Kostal schafft 200 Arbeitsplätze in Nordmazedonien“; Allgemeiner Anzeiger, 29.06.2022

Stadt Halver: „Rund um Halver“; Bell Verlag, Halver, im August 2010

Villa Wippermann (Homepage): „Halvers Schmieden – und das Leben im vorigen Jahrhundert“ www.villa-wippermann.de [09.05.2022]

Voge, Marco: Brief vom 01.06.2021 an die Bezirksregierung Arnsberg

Wikipedia: „Halver“de.wikipedia.org [19.11.2012]
 

Mehr zur Halveraner Geschichte finden Sie unter: Halver geschichtlich


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